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Ein erster Einblick in meinen Thriller „Schattenrein“.


Die kleine evangelische Kirche im Dorf wirkte schon von außen vertraut. Ein schlichtes Gebäude, helle Mauern, der Turm mit der alten Uhr. Mira trat ein und wurde sofort von dem typischen Geruch empfangen: Holz, altes Papier, Kerzenwachs. Der Klang der Orgel füllte den Raum, nicht laut, eher ein sanftes Fundament, das die Stimmen der Gemeinde trug.

Sie setzte sich in eine Bankreihe, strich mit der Hand über das glatte, abgenutzte Holz. Das Licht fiel schräg durch die bunten Fenster, tauchte den Raum in warme Farben. Als die Gemeinde einen Psalm sang, summte sie leise mit. Kein voller Ton, eher ein Hauch, doch er vibrierte in ihr nach. Für einen Moment empfand sie Halt – einen ruhigen Anker, eine Stütze, die sie tragen konnte.

Der Pfarrer las aus Jesaja:

„Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir, ich halte dich mit der Rechten meiner Gerechtigkeit.“

Miras Hände verkrampften sich auf den Knien. Fürchte dich nicht.

Die Worte trafen sie wie ein direkter Blick.

Der Psalm, der anschließend gesungen wurde, sprach von Schutz und Vertrauen in dunklen Zeiten. Sie summte leise mit, die Stimme kaum mehr als ein Atemzug, doch die Worte wirkten in ihr nach.

Nach dem Gottesdienst blieb sie noch kurz sitzen, bis die Reihen sich leerten. Schließlich stand sie auf, ging langsam nach vorn. Der Pfarrer, ein Mann mit ruhiger Stimme und freundlichen Augen, nickte ihr zu.

„Frau Keller, schön, dass Sie da waren.“

„Ja…“ Ihre Stimme zögerte. „Es tat gut. Aber ich… ich fühle mich in letzter Zeit oft unruhig. Als wäre da etwas, das ich nicht greifen kann.“

Der Pfarrer legte den Kopf leicht zur Seite, hörte aufmerksam zu. „Manchmal zeigt sich Angst in vielen Gestalten. Manchmal hat sie einen Grund, manchmal nur ein Gesicht, das wir ihr geben. Aber sie verliert ihre Macht, wenn wir sie nicht allein tragen. Gott hat uns zugesagt, dass wir nicht allein sind – auch wenn wir es fühlen.“

Mira schluckte. „Und wenn man nicht weiß, ob es nur Angst ist, oder doch… mehr?“

„Dann sprechen Sie darüber. Mit denen, die Ihnen nahe sind. Und vertrauen Sie, dass Sie getragen werden, auch wenn Sie den Boden gerade nicht spüren.“

Sie nickte, dankbar für die ruhige Stimme, für die Gelassenheit, die nicht nach Erklärungen suchte. „Danke“, flüsterte sie und machte sich durch das idyllische Dorf auf den Heimweg.

Als sie in die Straße einbog, in der ihr Haus lag, fiel ihr Blick über ihren Gartenzaun. Etwas Weißes lag im Gras, ein Schimmer im Licht.

Zuerst dachte sie an Papier, dann an Stoff.

Dann trat sie näher – und die Welt wurde still.

Sie spürte, wie der Atem stockte, der Körper sich weigerte, das Bild zu fassen. Kein Laut kam, keine Bewegung. Nur die Hände, die zitterten, während sie in der Jackentasche nach ihrem Handy griff.


Wie es weitergeht, bleibt offen …